Boykottmail / Bitte mal nachdenken

5. Juni 2008

Dieser Post kostet – Nerven, Zeit, Nerven ... Aber es führt kein Weg daran vorbei. Seit gestern werde ich mit Kettenmails bombardiert. Genauer gesagt handelt es sich um eine einzige, die ich schon von vielen verschiedenen Absendern bekommen habe. Als letztes hat sich sogar mein Chef eingereiht und sie an das ganze Büro verschickt. Es handelt sich um einen wütenden Aufruf, die «zwei größten Ölkonzerne» Shell und Total zu boykottieren.


Bild: CoreForce (cc-Lizenz)

Immerhin, es regt sich etwas in der Gesellschaft – auch wenn es nur am Bildschirm ist. Allerdings kann man durch ein wenig Recherche herausfinden, dass diese Mails jedes Jahr, meist im April oder Mai, auftreten und fast immer gleich sind. Auch der Branchenverband der Tankstellenbetreiber bestätigt das und fügt hinzu, dass sie grundsätzlich keine Wirkung zeigen. Die Bequemlichkeit ist wohl doch zu groß.
Jetzt ist man ja quasi schon in der Recherche, weshalb man auch mal kurz nachsehen könnte, wer denn jetzt die größten Ölkonzerne sind. Laut der Fortune Global 500 sind in den Top 10 der größten Unternehmen weltweit 6 Ölkonzerne. Diese sind Exxon Mobile (Platz 2, $ 347,3 Mrd. Umsatz, $ 39,6 Mrd. Gewinn), Royal Dutch Shell (Platz 3, $ 318,8 Mrd. Umsatz, $ 25,4 Mrd. Gewinn), BP (Platz 4, $ 274,3 Mrd. Umsatz, $ 22,0 Mrd. Gewinn), Chevron (Platz 7, $ 200,6 Mrd. Umsatz, $ 17,1 Mrd. Gewinn), ConocoPhillips (Platz 9, $ 172,5 Mrd. Umsatz, $ 15,6 Mrd. Gewinn) und Total (Platz 10, $ 168,4 Mrd. Umsatz, $ 14,8 Mrd. Gewinn). Man sieht also, dass diese Mail das erste Mal lügt. Boykottieren sollte man, wenn überhaupt (später mehr), Esso und Shell.

So, und jetzt kann ich großkotzig werden. Wir befinden uns hier auf zementierten Märkten. Das einzige, wie auf dem Ölmarkt etwas geholt werden kann, ist, dass man sich vom Konkurrenten in Sachen Service, Werbung oder Qualität unterscheidet. Wie die Konzerne das genau machen können wir jeden Tag beim Bezahlen feststellen. «Sammeln Sie unsere Treuepunkte?» dröhnt es einem da entgegen. Und so werden die Kunden gehalten. Ansonsten wird sich dort aber nicht viel tun. Es hat sich halt so eingebürgert, dass einmal der Eine den Preis diktiert, danach dann der Andere usw. So gehen dieser immer ein wenig nach oben. Wieso denn nicht nach unten? Auch wenn der Liter 2 Euro kostet wird nicht weniger gefahren. Wie ich sowas sagen kann? Man muss sich nur mal 5 Minuten auf eine Bank neben der Straße sitzen und die SUV, Geländewagen und überdimensionierten Autos zählen, die an einem vorbeifahren. Und wenn man sich einen Spaß daraus machen möchte zählt man noch die Anzahl der Fahrgäste, die in den Autos sitzen. Nach fünf Minuten kommt man in etwa auf einen Schnitt von 1,2 Personen pro Spritfresser.

Aber das ist nicht das einzige. In unserer Gesellschaft muss jeder flexibel sein. Sogar wenn man zu einem Kurztripp nach Berlin aufbricht muss man scheinbar so flexibel sein, dass man innerhalb von 5 Minuten wieder den Heimweg antreten können muss. Denn: die Bahn fährt schließlich nur 2 Mal am Tag in Berlin ab. Da ist man sowas von verflucht unflexibel, das geht auf keine Kuhhaut.
Dazu eine kleine Anekdote. Eine Freundin fuhr jemanden in Berlin besuchen. Auf meine Frage, wie sie hinfährt, kommt ein «na mit dem Auto. Ich will ja schließlich flexibel sein.». In Berlin angekommen geht sie auf ein Konzert und könnte mit der Band im Bandbus weiter fahren bis nach Dresden. Aber ach, da ist das blöde Auto. Jetzt kann die Gute leider nicht flexibel sein und muss in Berlin bleiben. Die Kosten für die Reise waren schnell errechnet. Pro Strecke musste zweimal getankt werden, also überschlagen 160 Euro. Von dem Geld setze ich mich in einen Zug und verbringe einige lustige Stunden mit den Mitreisenden oder einem schönen Buch.
Soviel zur flexiblen Gesellschaft. Scheinbar erwartet jeder, dass in den nächsten Minuten die Mutter stirbt und man deshalb SOFORT nach Hause muss.

Jetzt mal angenommen der Boykott würde funktionieren. Was dann? Shell beschäftigt ungefähr 112.000 Angestellte, Total circa 95.000 Beschäftigte. Kann man sehen worauf ich hinaus will?
Außerdem. Die Ansage ist bekannt: bis Ende 2008 wird nicht mehr bei diesen Firmen getankt. Wieso sollen denn die anderen Ölfirmen mit dem Preis runtergehen? Schließlich wird bis 2009 nicht mehr bei Shell und Total getankt. Und falls dann dieser Boykott doch mitten im Jahr aufgelöst werden würde, dann wären die Preise gleich wieder auf der Höhe wie die anderen Tankstellen. Schließlich gleichen sich die Preise in einem Oligopol immer an.
Eine Ausnahme wäre eine Marktverdrängungsstrategie (wie bei MediaMarkt), die aber nicht funktioniert, da die einzelnen Tankstellen und Ölfirmen so untereinander verwoben sind, dass niemand aus dem Markt gedrängt werden kann.

Was also tun? Ich will hier niemanden vom Autofahren abhalten. Ich selber muss zur Zeit noch täglich pendeln. Was man aber tun könnte wäre auf seinen Verbrauch zu achten, keine Spritfresser kaufen, auf Bus und Bahn umsteigen, Fahrgemeinschaften nutzen, Trampen und/oder Tramper mitnehmen, Taxi fahren, Rad fahren, zu Fuß gehen, vermeidbare Fahrten vermeiden, auf andere Technologien wie etwa Erdgas umrüsten.
Was man noch tun kann, auch wenn viele jetzt sagen «Puh ich weiß nicht, da muss ICH persönlich ja was machen.» Man kann auf die Straße gehen und demonstrieren. Gegen was? Gegen die Mineralölsteuer zum Beispiel. Denn die macht immer noch den größten Teil aus am Herzinfarkt an der Kasse. Oder an die Automobilfirmen Forderungen nach spritsparenden Autos schreiben.

Das kann aber nicht die Lösung sein. Denn eines ist klar. Das Öl WIRD ausgehen. Eines Tages haben wir halt kein Öl mehr, und dann müssen Alternativen zur Verfügung stehen. Ob wir wollen oder nicht. Also sollten wir vor allem mit unserem demokratischen Mittel entscheiden und zur Wahl gehen. Es gibt auch Parteien die die Förderung von Alternativen unterstützen. Denkt darüber nach. Ah, ich hör schon wieder das stöhnen. «Aaaaah, wählen? Da muss ich aufstehen und raus gehen. Das will ich nicht. Da bin ich gefragt. Näh!»

Quellen im Allgemeinen:
Greenpeace über Ölkonzern, Oil Statistics, Largest Oil Companies in the World, Die Grünen zum Thema Verkehr

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