Terrorsegeln
25. Mai 2008
Immer dieses schlechte Gewissen. Beim Aufstehen, auf dem Weg ins Büro, im Büro – ständig quält mich der Gedanke, dass ich doch eigentlich mal wieder bloggen könnte.
Ich möchte mich jetzt schon mal für den schlechten Titel entschuldigen. Dieses Wortspiel liegt eigentlich zu nahe – aber wie heißt es so schön: Scheiß drauf!
Nun, schon vor einiger Zeit hab ich in nem Tweet an @spreeblick angedeutet, dass ich über eine komische Geschichte erzählen wollte. Angeregt durch meine Frage, ob die Wasserqualität in Berlin gut sei und Johnny meinte, dass er sich beim Segeln nicht gut auskennt, fielen mir meine zwei letzten Segeltörns wieder ein.
Vom Vorletzten will ich hier erzählen. Er fand vor der Küste Kroatiens statt. Damals war ich noch in einem Volleyball aktiv, also machten meine Kumpels und ich einen auf Kolumbus und uns auf den Weg nach Dubrovnik, um dort unser angemietetes Boot zu entern. Die Regeln machte uns der Skipper ganz schnell klar. Wer Lust hat auf mitarbeiten, macht mit. Alle anderen stehen einfach nicht im Weg rum. Was ganz angenehm war. An sonnigen Tagen konnte man sich an Deck legen und versuchen, den Sonnenbrand nicht zu stark ausfallen zu lassen. Bei mir leider wie immer ein vergeblicher Versuch.
Die erste Nacht liefen wir in Split ein, wo wir so richtig auf die Kacke hauten. Klar, schließlich waren wir Volleyballer. Allerdings gibt es dabei langweiligerweise nichts zu erzählen. Wir taten und erlebten halt das, was beim saufen so üblich ist. Inklusive dem dicken Kopf am nächsten Tag.
Deshalb war es gut, dass die nächsten zwei Tage auf See bis auf den Verlust der einzigen Digicam ziemlich ruhig und relaxt verliefen. Am dritten Tag, es war der 10. September, Vormittags, mussten wir durch «einen der heftigsten Stürme der letzten Jahre», meinte der Skipper. Mitbekommen hab ich davon relativ wenig. Hab ich schon mal erwähnt dass ich höllisch gut schlafen kann und mich nichts aufweckt? Gut für mich war, dass danach weder der Crew noch meiner Mannschaft das Mittagessen schmeckte. Die waren alle wohl ein wenig mitgenommen. War aber schon gut so – mehr für mich!
Gegen Abend steuerten wir einen einsamen Strand an, gingen davor auf Anker und ruderten mit dem Beiboot ans Festland. Dort gab es ein richtig geiles Gelage mit Wein, Bier, Barbeque und offenem Feuer. Endlich war so richtig Ferienstimmung angesagt. Und die Abfahrt am nächsten Tag wurde auf den späten Vormittag verschoben.

Bild: tomorrowstand (cc-Lizenz)
Wie an so ziemlich jedem Tag in diesem Urlaub kam ich mit einem dicken Schädel auf. Allerdings – und das machte das ganze um einiges erträglicher – direkt am Strand. Komischerweise muss ich jedesmal wenn ich Lost sehe an diesen Morgen denken. So in etwa musste man sich diesen Morgen vorstellen. Das Lagerfeuer qualmte noch und alle lagen etwas benebelt drum herum.
An diesem Tag begann aber auch unsere mysteriöse Raum-Zeit-Verschiebung. Am Nachmittag stellte ich mich für ein paar Stunden ans Steuer. Und wie es der Zufall so wollte, spielte plötzlich unser GPS verrückt. Klar. Wenn ich mal etwas kaputt mache, dann so richtig. Das GPS-Teil zeigte plötzlich an, dass wir auf dem Petersplatz in Rom standen. Eine Minute später waren wir mitten in Berlin. Und wieder ein paar Sekunden später klebten wir mit unserem Boot ungefähr dort, wo der Prater in Wien steht. Nachdem mich der Skipper erstmal herzlich auslachte merkte er, dass ich gar nichts falsch gemacht hatte. Das GPS war unbrauchbar. Auch in seinen Händen funktionierte es nicht richtig. Dadurch, dass wir später aufgebrochen sind, verschob sich unser Anlegen in Rijeka auf Mitternacht. Zuvor hab ich noch nie jemanden gesehen, der nach den Sternen navigiert ist.
Im Hafen von Rijeka kamen uns aufgeregte Menschen entgegen. Alle wollten unsere Meinung dazu wissen. «Who do you think did this?» war die meistgestellte Frage. Zu WAS wollt ihr unsere Meinung wissen? Wer hat WAS getan? Es war der 11. September 2001. Jetzt war uns alles klar. Deswegen hat das GPS nicht funktioniert. Die US-Regierung hat es gestört. Wir dachten das GPS sei kaputt und wären niemals darauf gekommen das Festland anzufunken, um zu fragen, was los sei. Die Bilder schockierten uns. Und zum ersten Mal war niemandem zum Feiern zumute. Aber das alles war auch durch den Umstand, dass wir davon «direkt betroffen» waren, noch surrealer.
Am nächsten Morgen ging es zur letzten Tour in den Hafen von Trieste und nach Hause.
Geschuldet durch diesen Vorfall und den Umstand, dass an dem Tag, an dem ich auf der Donau segeln, war die Anschläge in Madrid geschahen, bin ich seitdem nicht mehr gesegelt.
Risikofreudig wie ich aber bin würde ich das Ganze jedoch noch einmal auf die Probe stellen und im Spätsommer auf einem Segelschiff meinen Urlaub verbringen. Oder doch lieber das Ferienhaus im Herzen Italiens?

